Meditation & Kontemplation

Was ist Kontemplation?

In der christlichen Tradition können wir drei verschiedene Formen des Betens unterscheiden:

  • Das gesprochene Gebet: Dank, Klagen, Bitten, Fürbitten und Anbetung;
  • das betrachtende Gebet: Meditation, die Betrachtung und Verinnerlichung des Wortes Gottes, sowie von religiösen Bildern und Symbolen;
  • das schweigende Gebet: die Kontemplation, nichtgegenständliche Meditation.

Alle drei Formen können auch ineinander übergehen, hier konzentrieren wir uns auf die dritte Weise, die Kontemplation.
(Fernöstliche Meditation meint in der Regel nichtgegenständliche Meditation und steht in Parallele zur christlichen Kontemplation. Aber auch die fernöstlichen Religionen kennen gegenständliche Meditation. Im christlichen Abendland war Meditation in der Regel Schriftmeditation.)

Kontemplation ist die Bezeichnung für den christlich-mystischen Weg, sich in der Gegenwart Gottes zu erfahren, ja in liebender Hingabe an die letzte Wirklichkeit sich mit dieser als Einheit zu erleben. Das Wort „Kontemplation“ kommt vom Lateinischen und setzt sich zusammen aus „con“, das bedeutet „gemeinsam“ oder „mit“, und „templum“, das bedeutet „Betrachtungsraum“, Heiliger Raum der Gottheit, wo die Priester betrachten, beobachten und beschauen, was der Wille der Gottheit sei. So bedeutet auch das lateinische Verb „contemplari“ „betrachten, beschauen“. Es geht in der Kontemplation darum, selbst zum Tempel, zum Ort der Gottesbeschauung und Einwohnung Gottes zu werden.

„Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Phantasien,
die den Tempel besetzt halten, draußen,
so könntest Du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher, was Du auch tust.
Und so hättest Du den Frieden Deines Herzens und Freude.
Und dich störte nichts mehr von dem, was Dich jetzt ständig stört,
Dich bedrückt und leiden lässt.“
Johannes Tauler (1300 – 1361)

Eine sehr gute Formulierung fand 1992 Bede Griffiths (1906 – 1993 – Benediktiner,  christlich – hinduistische Verständigung und Erfahrungsaustausch):

„Kontemplation ist das Erwachen zur Gegenwart Gottes
im Herzen des Menschen und im uns umgebenden Universum.
Kontemplation ist Erkenntnis im Zustand von Liebe.“

Da Gott nicht gegenständlich zu fassen ist, geht es in der Kontemplation nicht um ein rationales, sinnliches Betrachten, auch nicht von Worten, von Bildern und Symbolen wie in der Meditation, sondern um ein gegenstandsfreies Beschauen, eigentlich um ein Sich – beschauen -lassen, Sich – durchdringen – lassen vom Unbegreiflichen. Dazu ist Zeit und Raum der Stille erforderlich. In der Stille kommt der Mensch zu sich selbst, er lernt sich immer mehr auch in seiner Tiefe kennen. Die Selbsterkenntnis und die Gotteserkenntnis gehören untrennbar zusammen, wie zwei Seiten zu einem Blatt. Wir lernen in der Stille, uns selbst, unserer Wirklichkeit und der uns umfangen den Wirklichkeit Stand zu halten. Das kann ein Erschrecken sein, ist aber auch verbunden mit einem Staunen über Geheimnisse in unserem Leben und der Schöpfung, schließlich mit einem Staunen über ein letztes Geheimnis oder schon einem Ergriffensein von diesem, das wir nicht zutreffend bezeichnen können. Und doch haben Menschen aller Kulturen und Religionen das Unsagbare benannt: Das Göttliche, Gottheit, Gott, Ursprung des Lebens, Quelle der Liebe, Vater, Herr, Mutter, Grund, Sein, Einheit, letzte oder erste Wirklichkeit, Allah, Brahman, Tao und anders. Da solche Erfahrung „geheimnisvoll“ ist, da sie mit der Vernunft nicht zu fassen ist, wird sie mystisch genannt. Mit Mystik bezeichnen wir das dem Verstand nicht mögliche, „geheimnisvolle“ Erkennen und Schauen Gottes mit dem Herzen und im Geist, das aus Gnade erfahren wird.  (Siehe: Matthäus, 5,8: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“. Johannes, 4,23 f.: „Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die werden ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“. Epheser,1,17f: .. dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens…“. Römer 5,5: „.. denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“) Der Glaube wird als Liebesbeziehung zum Göttlichen erlebt.

Mystische Erfahrung kann grundsätzlich allen zuteil werden. Man kann sich ihr öffnen oder verschließen. Sie beginnt ganz einfach, sie kann aber ganz tief und weit gehen. Sie wird als Geschenk erlebt, sie bewährt sich im Alltag in der Liebe, durchaus auch im politischen Handeln (z.B. Mose, Propheten, Bonhoeffer, Dag Hammarskjöld). „Eine Mystik; die nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg“ (Willigis Jäger). Mystische Erfahrung ist unabhängig von irgendeiner Religion möglich. Heute sind viele Menschen ihrer Herkunftsreligion entfremdet. Sie können mit den überkommenen Glaubenssätzen und religiösen Vorstellungen nichts mehr anfangen und vieles stößt sie ab. Manche können noch nicht einmal mehr das Wort „Gott“ hören, weil sie vorwiegend nur den Missbrauch dieses Wortes erfahren haben. Doch suchen sie nach einem Sinn erfüllten Leben und solche Suche allein ist schon religiös. Meditation und Kontemplation sind auch für sie Wege, zu eigenen religiösen Erfahrungen zu kommen. Solche Erfahrungen sind wertvoller als Glaubensdogmen, die nur leere Hülsen für sie sind. Aus ihrer eigenen Erfahrung verstehen sie schließlich auch, dass vielen Glaubensaussagen und Vorstellungen mystische Erfahrungen zugrunde liegen, die sie aber auch anders ausdrücken können. Sie werden auf Grund eigener Erfahrung fähig, vieles aus der Bibel neu und innig zu verstehen und für sich umzusetzen. Sie lassen sich aber keinen fest geformten oder gar fest gefahrenen engen Glauben überstülpen. Sie sind mündig geworden und das ist gut so.

Die verschiedenen Meditationsformen, auch die nichtgegenständliche Meditation, kommen aus Religionen. So wie Zen aus dem Buddhismus kommt, so die Kontemplation aus dem Christentum. Beide können sich gegenseitig befruchten und haben dies besonders im 20. Jahrhundert getan. Buddhistische Zen-Meister haben sich z.B. mit Meister Eckehart intensiv befasst und christliche Theologen wie Rudolf Otto (ev.) und H.M. Enomia – Lassalle  (kath.) haben sich von Zen-Meistern im Zazen – dem Sitzen in Sammlung und Stille – einführen lassen und dabei ihren je eigenen Glauben intensiver erlebt. Inzwischen haben viele Christen für ihre Spiritualität von Zen her Anregungen erhalten und in der Kontemplation ihren christlichen Weg gefunden und die Schätze aus der Bibel und christlichen Mystik ausgegraben. Dadurch haben sich auch alte Glaubensvorstellungen aufgelöst, verändert und geweitet. Der Denk- und Glaubenshorizont ist größer geworden.

Unser Weltbild und unsere Lebensweise haben sich gegenüber denen der Zeit der Entstehung der Bibel und der Christenheit früherer Jahrhunderte sehr  entfernt. Darum sind alte Texte oft nicht so einfach zu verstehen. Doch können wir von einigen dieser Texte hilfreiche Anregungen zu eigener Erfahrung erhalten.  Es lohnt sich, auf solche Texte und ihre Erfahrung zu hören und zu schauen. Was kann, was will ich davon übernehmen und was nicht. Oder wie kann ich solche Texte für mich verändern, dass sie in mein Weltbild (das  auch veränderbar ist) und in mein Leben hineinpassen.